Karika-Tour
(hhw) Der Papst wird herausgeputzt. Bald geht es mit dem Papamobil durch die jubelnde Menge. Und da wird er natürlich auf prachtvoll gestylt. Konzentriert setzt Dieter P. Wenger die letzten Glanzlichter im Make-up. Er hat eine Leiter angestellt, um mit dem Heiligen Vater auf Augenhöhe zu sein. Routiniert hantiert er mit einem Pinsel, gibt den rosigen Papstbacken den intensiven Schimmer. Sichtlich genießt der gelernte Dekorateur seinen Einsatz als Chefkosmetiker.
Anfang Februar 2007. Der Pontifex wird vorbereitet für eine beispiellose Massenaudienz in Mainz. Der kommende Montag ist für viele der Feiertag schlechthin. An diesem Rosenmontag wird "Ratzi" auf Tour gehen. Als Styropapa auf einem von fünfzehn politischen Motivwagen des MCV, des Mainzer Carneval-Verein, beim traditionellen Fasnachtsumzug.
Das dreidimensionale Spottbild zeigt Benedikt XVI als Fahranfänger. Gerade hat er ein Minarett gerammt. Papa ist halt ganz schön mobil. Und eckt schnell mal tollpatschig an, wie bei seiner Vorlesung in Regensburg, die Islamvertreter als "Hasspredigt" bezeichneten.
Die rollende Satire gehört zur Mainzer Fasnacht wie das dreifach donnernde Helau und der Narhallamarsch. Seit bald fünfzig Jahren gestaltet Dieter P. Wenger mit seiner eingespielten Mannschaft Motivwagen für den MCV. Seine Speyerer Kreativagentur Inspiration ist hier die erste Adresse.
1962 baute Wenger seinen ersten Wagen. Thema: Milchpreiserhöhung. Von Kampagne zu Kampagne kamen mehr Anfragen. Anfangs formte das Inspiration-Team Drahtgerüste, umwickelte sie mit Papier. Keine sonderlich wetterfeste Angelegenheit.
1967 erhielt Wenger ein nachhaltiges Präsent: Ein befreundeter Baustellenleiter schenkte ihm einen Styroporblock. Wenger zückte Küchenmesser und Handsäge und legte los. Es war Liebe auf den ersten Schnitt. "Leider war Styropor damals teuer und schwer zu bekommen", erinnert Dieter P. Wenger. So nutzte er es zuerst nur für Teile der Figuren, für Hände, Köpfe, später dann für die kompletten Ensembles.
Mittlerweile ist der Styropor-Nachschub kein ernsthaftes Problem mehr. Man kann sich sogar eigene Päpste damit schnitzen.